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Pinguin, ick hör dir trapsen! 14 aug 2010

Von Windows zu Mac OS X zu Linux

Den Leuten von Microsoft ist viel zu spät eingefallen, PCs und Macs mal von ihrem Standpunkt aus zu vergleichen. Doch wo bei den Apple-Spots genügend Humor im Spiel war, um die Sache nicht allzu ernst zu nehmen, verkommt Redmonds Variante zum ungenierten und nur halbwahren Mac-Bashing.

Am Ende des ganzen Streits muss man aber sagen: kein System funktioniert einfach out of the box. Wer einen Mac kauft und damit gut arbeiten will, sollte auf jeden Fall Geld für Software zurücklegen, denn die besten Programme kosten dort Geld, wenn auch oft nicht viel. Es bringt nichts, mit einem schillernden Alumac unter dem Arm herumzulaufen und dann ausschließlich klobige X11- oder Java-basierte Open Source-Software einzusetzen. Die integriert sich sehr schlecht in das System, denn sie ist für die OS X-GUI-Elemente nicht ausgelegt und missbraucht Steuerelemente für Funktionen, die in nativen Anwendungen wesentlich eleganter gelöst werden können. Selbst native Mac-Freeware bleibt oft weit hinter kommerziellen Produkten zurück.

Wer Windows einsetzt, hat eine viel größere Auswahl auch an kostenloser Software, muss aber langfristig mit einem zugemüllten System und Performanceeinbußen rechnen. Zudem ist zumindest ein Virenscanner Pflicht und von Freeware, die Werbung einblendet, wollen wir gar nicht erst sprechen. Ich finde, mit Windows lässt sich nach wie vor nicht so zügig und produktiv arbeiten wie mit OS X.

Und wie sieht es mit Linux aus? Das ist nicht ganz so einfach.

Zunächst einmal gibt es viele verschiedene Distributionen. Sie basieren alle auf dem Linux-Kernel, der zwischen Hard- und Software vermittelt und an dem zahlreiche Entwickler schrauben, entweder privat oder von Firmen angestellt. Die neuen Kernel werden noch immer von Linus Torvalds freigegeben.

Die Distributionen sind schließlich Zusammenstellungen von graphischen Oberflächen, Software, Techniken und Konfigurationen. Es gibt sie fast wie Sand am Meer, DistroWatch listet neue und beliebte. Die Wahl einer passenden Distribution ist ein Kompromiss zwischen Benutzerfreundlichkeit, Flexibilität, Größe der entsprechenden Community (und damit Unterstützung), Stabilität, und wahrscheinlich noch vielen weiteren Faktoren.

Ich war immer der Meinung, wenn alle Linuxentwickler zusammenarbeiten würden, könnte man ein einziges Linux schaffen, das zu den kommerziellen Systemen wie Mac OS konkurrenzfähig wäre. Was fehlt, ist allerdings der Diktator. Einer wie Steve Jobs, der seine geniale Vision auf Teufel komm raus durchsetzt. Die Entwickler tragen alle ihre persönliche Note bei. Das ist aber vielleicht sogar die Stärke von Linux. Es gibt so viel Software, vieles davon ist wirklich Müll, aber schließlich setzen sich die besten durch und werden von den meisten Leuten benutzt. So haben sich vielleicht fünf »große« Distributionen und die eine oder andere für Webserver optimierte Distribution durchgesetzt. Statt einem Diktator hat Linux also seine Evolution — die dauert aber wesentlich länger.

Ich möchte behaupten, dass die weiträumige Verbreitung von Linux auf dem Desktop auch am Idealismus scheitert. Die meisten Distributionen legen Wert auf freie und offene Software. Frei bedeutet ohne einschränkende Lizenzen: das System soll auf allen Rechnern bedenkenlos installiert werden dürfen: wissenschaftliche Einrichtungen, Firmen, Behörden, Militär und Privatpersonen können die Distributionen verwenden ohne gegen Lizenzen zu verstoßen bzw. dafür zahlen zu müssen. Offen bedeutet, dass der Quellcode aller Programme jedem zugänglich ist und so überprüft werden kann, ob die Software das macht, was man will oder aber nicht will. Schon das ist ein guter Schutz gegen Viren und Nach-Hause-Telefonieren, denn über die Softwareserver wird nur geprüfte und an die Distribution angepasste Software verteilt.

Das führt allerdings mit sich, dass lizenzbehaftete Programme wie Adobes Flashplayer oder der VLC mit seinen vielen Codecs nicht mitgeliefert werden und auch nicht über Paketmanager (die unter Linux relativ einfach die Software verwalten) nachinstalliert werden können, solange diese nur auf Server mit freier Software zugreifen.

Es ist praktisch keine Arbeit, diejenigen Repositories (also Softwareserver) zu ergänzen, die auch patentbehaftete Software enthalten, aber dem N00b, der sich gerade so durch die (mittlerweile sehr leichte) Installationsprozedur gekämpft hat und das Betriebssystem einfach benutzen möchte, ist das leider schon nicht mehr zuzumuten.

Man sieht schon: unter Linux läd man normalerweise keine ausführbaren Dateien mit dem Webbrowser herunter, das ist nur sehr selten der Fall. Viel gebräuchlicher sind Paketmanager, die auf Softwareverzeichnisse zugreifen. Damit lassen sich sämtliche Programme auch viel einfacher installieren und aktualisieren. An diesem Konzept scheitern anfangs viele Neulinge, die Windows oder den Mac gewohnt sind. Ich habe es auch lange nicht kapiert; man sollte an Linux einfach ohne Vorurteile herangehen, also nicht mit der Einstellung »Das muss aber auch so funktionieren!«

 
Die Konsole ist das mächtigste Werkzeug überhaupt und es lohnt sich, zumindest die Grundfunktionen zu erlernen, denn keine graphische Oberfläche kann so viele Knöpfe aufbieten und übersichtlich bleiben, um die Konsole zu ersetzen. Das Lernen geschieht nebenbei: man muss sich nur die ganzen Codeschnipsel ein wenig genauer ansehen, die in den Myriaden von Supportforen gepostet werden. Auf die stößt man von ganz allein, wenn man wieder einmal sucht, wie dieses und jenes Problem am besten gelöst werden kann.

Abseits der Konsole gibt es nun zwei große (und viele kleinere) graphische Oberflächen, das sind KDE und GNOME. In den letzten Jahren hatte ich immer wieder Anläufe gewagt, auf Linux umzusteigen, und bin dabei schlimm gestürzt. Ich vermute, es lag unter anderem an KDE, dass ich zu Windows bzw. OS X zurückgehumpelt bin. Mit GNOME hatte ich bisher keine Erfahrung, aber als ich nun das erste mal Fedora mit GNOME-Desktop installiert hatte, kam ich auf Anhieb sehr gut damit klar.

Nun lehne ich mich vielleicht viel zu weit aus dem Fenster, aber ich wage zu behaupten, KDE orientiert sich zu sehr an Windows, GNOME orientiert sich eher an OS X. GNOME wurde von Linus Torvalds dafür kritisiert, dem User zu wenig Konfiguration anzubieten, aber das ist eher seine Stärke. KDE hat alles und kann alles, man findet es nur nicht. Die Menüs, insbesondere Kontextmenüs, sind völlig überladen, es gibt die aus Windows bekannten Gadgets für den Desktop, seltsame Blasen um Oberflächen zu konfigurieren, ein Startmenü, sinnlos groß gewählte Abstände zwischen Symbolen und Texten, usw. Kurz: ich mochte es nicht und immer, wenn ich zu meinem GNOME zurückkehrte, konnte ich durchatmen. Sicherlich kann man KDE so konfigurieren, dass es aufgeräumter einherkommt, aber Standardeinstellungen sagen bereits viel über die Philosophie hinter einem Projekt aus.

Wo KDE standardmäßig weichgespülte Symbole mit vielen Farbverläufen einsetzt, gibt es unter GNOME eine markante Graphik mit mehr Kontrast:

GNOME Icons

Am Ende ist das aber Geschmackssache: wer neu ist, sollte beide Oberflächen ausprobieren. Das geht wahrscheinlich am besten mit Live-CDs, auch, um überhaupt die passende Distribution zu finden (die in der Regel zumindest KDE und GNOME mitbringt).

Obwohl Linux in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat, ist es noch immer ein System für Leute, die bereit sind, zu basteln. Das trifft selbst auf Ubuntu zu. Die Hardwareunterstützung hat mich echt positiv überrascht: insbesondere die Arbeit am Kernel und fortwährende Integration der nötigen Treiber verdient großes Lob. Und mit ein wenig Internetrecherche bekommt man schließlich auch diejenige Hardware zum Laufen, die erstmal bockt. Wer die allerneuesten Geräte einsetzt, sollte also ein wenig warten. Die Chancen sind hoch, dass sie bald durch Updates unterstützt werden.

Zielgruppe

Klar ist, dass man Linux nicht jedem empfehlen kann.

Für Naturwissenschaftler gibt es fast keinen Weg herum: sehr viel Software gibt es ausschließlich für dieses System und obwohl sie oftmals nach Mac OS portiert wird (das ja ein unixoides System ist), kommt sie einem dort eher wie ein Fremdkörper vor. Das ist aber machbar und es lässt sich damit leben, denn die Vorzüge von OS X kompensieren das meiner Meinung nach. Andererseits braucht man dafür »notwendig« einen Mac (sagt zumindest Apple).

Professionelle Kreative und kreative Profis, die »was mit Medien« machen, werden mit Linux nicht glücklich und sind damit auch gar nicht kompatibel zur restlichen Adobe- und Apple-dominierten Welt.

Die Standardanwendungen wie Firefox, Thunderbird, VLC, Picasa und Google Earth laufen schon einmal überall. Bibliotheksbasierte Musikplayer (d.h. iTunes-Alternativen) existieren, und Editoren sind eh unter Linux zu Hause.

Deshalb ist Linux auch etwas für Firmen und Behörden, solange es fähige Admins gibt, die alles konfigurieren und warten. OpenOffice unterstützt zumindest ältere MS-Office-Dokumente, und wer dem Finanzamt statt PDFs seine Office 2010-Dateien andrehen möchte, hat die Steuerrückzahlung sowieso nicht verdient.

Wer auf Profisoftware, Spiele und shiny-new-ribbon-based Microsoft Office verzichten bzw. sich von OS X trennen kann, sollte Linux auf jeden Fall probieren: vieles funktioniert, einiges besser als unter Windows und manches sogar einfacher als unter OS X. Dafür funktionieren andere Dinge auf Anhieb überhaupt nicht, aber letztlich kann man doch irgendwie alles damit machen.

Wenn Linux so weitermacht, wird es bald für alle eine sehr gute Alternative zu den Kommerz-Produkten ;)

 
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