Die Leute, die heute so lauthals gegen Street View wettern, hätten im Mittelalter wahrscheinlich auch Hexen verbrannt. Dass sie aber keinen Sinn für die echten Datenschutzprobleme haben, zeigt, dass eigentlich nur wieder ein Sündenbock gefunden werden musste, um im Sommerloch von den eigenen Problemen abzulenken.
Dazu kommt, dass die Klatschpresse den weniger kritischen Mitbürgern scheinbar einredet, Tausende könnten sie den ganzen Tag lang live und nackt zu Hause überwachen. Wenn man unbedingt etwas glauben will, dann glaubt man es auch…
Deshalb ist meine Devise: Wenn es in der BILD steht, kann es eigentlich nicht stimmen.
Unsere europäischen Nachbarn mögen den Datenschutz weniger ernst nehmen als wir, aber auch dort gibt es mündige, kritische Bürger. Derart ausgerastet wie die Deutschen ist niemand.

Darf ich jetzt auch keine Photos mehr veröffentlichen? Muss ich mit verbundenen Augen durch die Stadt laufen, aus Angst, ich könnte meinen Chef aus einem Erotikshop kommen sehen? Die vegane Nachbarin beim Fleischer treffen?
Eine wirkliche Gefahr besteht in zentralen, verknüpfbaren Datenbanken. Darunter fällt Street View eindeutig nicht; allerdings schon eher viele andere Google-Datenbanken, abgesehen von den vielen staatlichen Varianten à la Schäuble&Co.
Angebot, Nachfrage und Ausbeutung bestimmen den Preis.

Aber Steineschmeißen bringt das auch nicht mehr in Ordnung. Na schauen wir mal, wie Connewitz morgen aussieht.
Gestern haben wir in Berlin gegen Vorratsdatenspeicherung, Stoppschilder im Netz und allgemeine Datensammelwut demonstriert.
Schön war, dass alles sehr friedlich von statten ging. Nach Lektüre eines Absatzes à la Was tun bei Verhaftung? im Wiki des AK Vorrat war ich vielleicht etwas paranoid.
Schön war auch, zu sehen, wie vielen Leuten die zunehmende Aushöhlung unserer Grundrechte und die Datenschutzskandale bei deutschen Unternehmen gegen den Strich gehen.
Jetzt braucht niemand traurig sein, dass es »nur« 10 000 bis 25 000 Demonstranten waren. Ist doch klar, dass dieses Thema nicht mehr hergibt als eine Anti-Atomkraft-Demo. Die meisten, die ich getroffen habe, sagten auch, dass sie trotzdem keine Piraten wählen würden, denn es gäbe wichtigere Themen.
Das stimmt schon. Insofern bin ich sogar ein wenig froh, dass ich in Sachsen praktisch dazu gezwungen werde, eine Partei mit mehr Inhalten zu wählen, denn ein bisschen ist eine Piratenstimme schon eine verschenkte Stimme. Besonders nun, da sich die Grünen dem Datenschutz ebenfalls stark annehmen. Das ist natürlich schade um die Bemühungen der Piraten, und vor allem eine Reform des Urheberrechts wird von keiner anderen Partei so sehr angestrebt. Schon deshalb hätte ich sie letztlich doch gewählt, wenn hier nicht diese föderalistische Wahlfarce abgehen würde.
Auf der Abschlusskundgebung rügte Monty die Menge, weil sie doch freiwillig ihre gesamte Privatsphäre bei Twitter, YouTube, Flickr, Facebook und wie sie alle heißen zerhäckselten.
Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Immerhin sind dies freiwillig gemachte Daten, die im Idealfall wieder gelöscht werden können (sieht man von Diensten wie Google Cache oder der Wayback Machine ab).
Ich selbst veröffentliche vieles im Netz unter meinem richtigen Namen, und das ist vielleicht nicht besonders weise. Was den ominösen zukünftigen Arbeitgeber betrifft, so wäre es mir allerdings sowieso sehr lieb, wenn er jemand ist, der seine Mitarbeiter unabhängig von solchen Dingen wie politischen Meinungen auswählt. Sollte sich jemand derart an meiner Netzidentität stören, dass er mich deshalb nicht einstellen will, dann möchte ich ohnehin nicht mit einer solchen Person zusammenarbeiten.
Ich veröffentliche keine Saufbilder. Naja, ich saufe nicht einmal.
Dennoch: schützt eure Privatsphäre; Synonyme und Nicknames sind empfehlenswert!
Derjenige, der zu seinen Gunsten wählt, oder derjenige, der so wählt, wie er denkt, dass es für den Staat am besten wäre?
Läuft auf das selbe hinaus, oder? Von einem fairen, gut durchdachten Staat profitieren letztlich alle.
Vor einigen Tagen hörte ich vom Ergebnis des Referendums im Radio: 54% der Venezolaner stimmten für eine Verfassungsänderung, die es zulässt, dass Hugo Chávez (bitte das á betonen, nicht das e) im Jahr 2013 nochmals zum Präsidenten gewählt werden kann.
Das enttäuschte mich und es machte mich wütend, denn fast genau ein Jahr zuvor gab es schon einmal ein Referendum über praktisch die gleiche Frage, und hier scheiterte Chávez (sehr zu meiner Überraschung wagte er es nicht, das Ergebnis zu fälschen). Die Verfassung erlaubt innerhalb einer Legislaturperiode natürlich nicht das zweimalige Abstimmen über die selbe Frage. Nun, man kann ja etwas an der Formulierung schrauben, und genau das wurde kurz gesprochen auch getan.
Was mich an Chávez stört, ist nicht vorrangig seine politische Ausrichtung. Er ist Sozialist, was im globalen Kapitalismus eigentlich nicht gutgehen kann, aber ich kenne Venezuela viel zu wenig, als dass ich über Alternativen bescheid wüsste. Er treibt Verstaatlichungen voran und das führte – zusammen mit dem Erdölsegen – dazu, dass die Regierung über unvorstellbar viel Geld verfügt. Dieses Geld wird zu einem kleinen Bruchteil dafür eingesetzt, Sozialprojekte zu fördern, denn im Land herrscht eine verheerende Armut. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist enorm, es gibt fast kein Zwischending.
Fakt ist, dass sich die Regierung ihren Sozialismus noch »leisten« kann, und zwar paradoxerweise dank der kapitalistischen Staaten, die von ihrem Öl abhängig sind. Venezuela hat viel mehr Potentiale, die nicht aufgegriffen und entwickelt werden (eines davon ist sicherlich der Tourismus, ein Wort, das viele Venezolaner vermutlich nicht einmal kennen).
Nein, was mich an Chávez stört, das sind seine Persönlichkeit und seine Machtgier. Er träumt von einem im Sozialismus vereinigten Lateinamerika und für die Umsetzung dieser Idee ist er offenbar zu vielem bereit. Das fängt damit an, dass er seine eigenen Ideale opfert. Ein zentrales Ziel seines Bolivarismus war die Beseitigung der Korruption. Das ist ja lachhaft! Ich weiß nicht, wie das vor seinem Machtantritt aussah, aber ich kann mir vorstellen, dass das Land die Sättigungsgrenze der möglichen Korruption bereits erreicht hat, falls es eine solche überhaupt gibt. Zusammengefasst: Beamtenjobs und Stipendien sollten nichts mit Kreuzen auf Wahlzetteln zu tun haben, es sollten keine verstorbenen Personen wählen dürfen (was dazu führte, dass das Land statistisch gesehen wohl die ältesten Wähler der Welt hat) und schon gar nicht sollten staatliche (bzw. verstaatlichte) Medien einseitig für eine einzige Regierungspartei trommeln.
Der Präsident hält gern Reden, manchmal auch für mehrere Stunden, die im Fernsehen und im Radio landesweit ausgestrahlt werden. Er inszeniert sich selbst, samt seiner Ideologie. Er ergänzte die Flagge um einen weiteren Stern, der Guyana repräsentiert, auf das Venezuela teilweise Ansprüche erhebt, was international allerdings sehr umstritten ist. Er änderte die offizielle Staatsbezeichnung, die Nationalhymne und sogar die Zeitzone (um 30 Minuten, was zumindest das Lufthansa-Informationssystem noch nicht verkraftet). Es finden »spontane« Pro-Chávez-Demonstrationen in großen Städten und sogar auf Autobahnen statt (das führt wiederum zu einer enorm hohen Rate an Geisterfahrern). Von Steuergeldern werden rote T-Shirts beschafft, die Mitarbeiter staatlicher Institutionen zu tragen haben, sowie der Wahlkampf für die Regierungspartei finanziert. Auf der anderen Seite werden der Opposition bei solchen für eine Demokratie enorm wichtigen Veranstaltungen so viele Steine wie möglich in den Weg gelegt. Es gibt mehrere glückliche Zufälle, die nahelegten, Venezuela pumpe Geld zu Terroristengruppen wie der FARC. Ich fürchte, das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Genau das halte für sehr gefährlich. Die Inszenierung, den Patriotismus, die Willkür und die Konzentration auf aussagekräftige, symbolische Gesten. Wenn er schon keinen Propagandaminister hat, so hat er doch ein gutes Beraterteam.
Die Begrenzung der Regierungszeit eines Präsidenten hält eine Demokratie gesund. Wenn die Politik überzeugend war, können die Wähler entscheiden, dass sie von jemand anderem fortgesetzt werden soll. Aber Chávez ändert praktisch nach Belieben die Verfassung und räumt sich selbst immer mehr Rechte ein.
Dennoch gibt es Hoffnung. Die Oppositionsparteien gewinnen wieder immer mehr Wahlen in den Bundesstaaten und besonders in den Großstädten. Die Leute scheinen aufzuwachen, denn zu den guten Nachrichten haben sicherlich nicht nur die Reichen beigetragen. Ich hoffe für 2013 auf eine Niederlage Chávez’. Sollte der Ölpreis weiter sinken, wäre das durchaus realistisch.
Für Venezuela und ganz Südamerika wünsche ich mir mehr politische Stabilität und weniger temperamentvolle Entscheidungen. Die Extreme schwanken zu sehr, zu oft wurde geputscht und zu oft wurden Ideale verraten. Viele Staaten sind schon auf dem richtigen Weg, nun hoffe ich, dass die letzten Fanatiker bald aussterben. Ich bin sicherlich kein Verehrer des Kapitalismus, aber ich bestreite, dass die Menschen nicht imstande sind, ihre Probleme friedlich und vernünftig auf dem Wege der Demokratie zu lösen.